Wo alte Weisheit auf den menschlichen Leib trifft: Eine Reise durch die vier Säulen der Gesundheit, wie sie Hildegard von Bingen sah.
Hildegard von Bingen spricht vor allem in ihren Büchern „Heilsame Schöpfung: Die natürliche Wirkkraft der Dinge – Physica“ und „Ursprung und Behandlung von Krankheiten – Causae et Curae“ immer wieder über die vier Säfte: Schwarzgalle, gelbe Galle, Phlegma und Blut. Aber was sind diese Säfte und was für einen Einfluss haben sie auf die Gesundheit des Menschen?
Die Wurzeln der Säftelehre: Von Griechenland zu Hildegard
Die Säftelehre, die zu der Zeit Hildegard von Bingens Grundlage des Weltbildes und der Heilkunde war, geht auf ein noch älteres System zurück: die Elementenlehre, die im antiken Griechenland ihren Ursprung hat.
Sie wurde von dem Philosophen Empedokles von Akragas (5. Jh. v. Chr.) zum ersten Mal benannt und näher beschrieben. Später entwickelte Aristoteles die Lehre weiter und sprach jedem Element zwei besondere Eigenschaften zu:
Das Feuer ist warm und trocken.
Die Erde ist trocken und kalt.
Das Wasser ist kalt und feucht.
Die Luft ist feucht und warm.
Dabei hat jedes Element eine Eigenschaft, die es nur allein besitzt, während die zweite, untergeordnete Eigenschaft sich mit einem anderen Element teilt. Die Haupteigenschaft von Feuer ist Wärme, von der Erde ist es Trockenheit, von Wasser ist es Kälte und von der Luft ist die Haupteigenschaft Feuchtigkeit.
Auch die zweite Eigenschaft teilen sich immer zwei Elemente: Das Feuer und die Erde sind trocken, die Erde und das Wasser sind beide kalt, Wasser und Luft sind feucht, sowie Luft und Feuer sind warm.
Hildegards Vision: Mehr als die griechische Lehre
Auch Hildegard kannte vermutlich das Wissen über die Elementenlehre, denn sie erwähnt in der Causae et Curae den Philosophen Platon:
„Und wenn sich in einem Menschen ein derartiger Livor über sein Maß im Überfluss ausdehnt, können die übrigen Säfte in jenem nicht friedlich bleiben, außer bei jenem Menschen, in die die Gnade Gottes einströmte, entweder als Stärke, wie bei Samson, oder als Weisheit wie bei Salomon, oder als Sehergabe, wie bei Jeremias oder bei bestimmten Heiden, wie es Platon war und seinesgleichen.“
In ihrem Buch „Ursprung und Behandlung von Krankheiten“ beschreibt sie die vier Elemente und ihre Eigenschaften sehr ausführlich. Doch in ihren Visionen hat sie den Elementen sehr viel mehr Eigenschaften zugeordnet, als es in der griechischen Lehre der Fall ist. So ordnet die Mystikerin dem Wasser 15 verschiedene Eigenschaften zu, dem Feuer 7 Eigenschaften sowie Luft und Erde je 10 Eigenschaften.
Dass der Mensch eng mit den vier Elementen verbunden ist, wird in diesem Zitat deutlich:„Auch die Elemente der Welt erschuf Gott, und diese sind im Menschen, und der Mensch arbeitet mit ihnen. Es sind Feuer, Luft, Wasser und Erde, und diese vier Elemente sind untereinander so eng verknüpft und verbunden, dass keines vom anderen getrennt werden kann, und sie haften derart aneinander, dass sie das Firnament genannt werden“
Von den Elementen zu den Säften: Die Verbindung zum Körper
Polybos, der Arzt und Schwiegersohn von Hippokrates, erweiterte die Vier-Elemente-Lehre und ordnete jedem Element einen Saft des menschlichen Körpers zu:
Dem Element Feuer wurde die gelbe Galle zugeordnet.
Dem Element Erde die schwarze Galle.
Dem Element Wasser wurde der Schleim (Phlegma) zugeordnet.
Sowie der Luft das Blut.
Polybos ging davon aus: Wenn die Säfte ausgewogen im menschlichen Körper vorhanden sind, dann ist der Mensch gesund. Diese harmonische Säftemischung nannte er Eukrasie. Aber wenn einer der Säfte zu viel oder zu wenig vorhanden ist, so wird der Mensch krank. Das nannte er Dyskrasie.
Galenos, der ebenfalls Arzt im antiken Griechenland war, übertrug die Säftelehre auf das Seelenleben des Menschen. Wenn die Saftemischung im Menschen nicht harmonisch ist, stellen sich die vier Temperamente ein:
Der Choleriker ist mit dem Element Feuer und dem Saft gelber Galle verbunden.
Der Melancholiker ist mit dem Element Erde und dem Saft schwarze Galle verbunden.
Der Phlegmatiker ist mit dem Element Wasser und dem Saft Schleim verbunden.
Sowie der Sanguiniker mit dem Element Luft und dem Saft Blut.
Der Weg zurück zur Balance
Die Lehren der Griechen blieben nach dem Untergang der Antike erhalten und wurden von arabischen Ärzten wie Avicenna genutzt und weiterentwickelt. Durch die Kreuzzüge kamen diese alten Lehren wieder zurück nach Europa, wo sie vor allem in den Klöstern auf fruchtbaren Boden fielen und genutzt wurden. Hildegard übernahm die Zuordnung der Säfte zu den Elementen in ihrem Visionswerk genauso, wie es in den griechischen Lehren beschrieben wurde.
An diesem Zitat sieht man, dass sie die Elementenlehre und auch die Säftelehre kannte. Hildegard wusste, was die Dyskrasie der Säfte bewirkt. Auch an vielen anderen Stellen ihres Werkes geht sie darauf ein, wie die Säfte ins Ungleichgewicht gebracht werden und was man tun kann, um ein Gleichgewicht der Säfte wiederherzustellen.
Es war ein wichtiger Bestandteil in Hildegards Weltbild und den Lehren der damaligen Zeit. Hildegard beschreibt, dass man mit einfachen Gewürzen, Kräutern oder Tees die Balance der Elemente bewahren kann.
Aber das ist für sie nicht genug, den Körper mit den richtigen Lebensmitteln, Gewürzen und Kräutern zu versorgen. Sie betont immer, dass es ebenso wichtig ist, den Bezug zum Göttlichen nicht zu verlieren, und wenn der Körper durch Krankheit aus dem Gleichgewicht geraten ist, sich auch an Gott zu wenden und sich wieder auf den richtigen Weg zu besinnen.
Eine neue Serie: Die vier Säfte im Detail
Hildegard von Bingen widmete der Elementenlehre und der Säftelehre eine sehr ausführliche Betrachtung. Um das Thema angemessen zu würdigen, ohne einen einzelnen Beitrag zu überladen, plane ich eine Reihe von vier weiteren Beiträgen. In diesen werde ich die vier Säfte und die vier Elemente detailliert beschreiben und ihre Bedeutung im Werk der Benediktinerin herausarbeiten.
Bleiben Sie dran! In den nächsten Wochen tauchen wir tiefer ein in die Welt der gelben Galle, der schwarzen Galle, des Schleims und des Bluts – und entdecken, wie diese alten Lehren auch heute noch unsere Gesundheit und unser Seelenleben spiegeln.
Quellenverzeichniss:
alle Zitate sind aus den Buch Ursprung und Behandlung der Krankheiten Causae et Curae übersetzt von Ortrun Riha entnommen. Erschienen im Beuroner Kunstverlag 4. Auflage von 2020
Zitat 1: Ursprung und Behandlung der Krankheiten S.74
Zitat 2 Ursprung und behandlung der Krankheiten S. 27
Zitat 3 Ursprung und behandlung der Krankheiten S. 73
Informationen zu den Elementen habe ich hier gefunden:
https://www.natura-naturans.de/die-vier-goettlichen-wurzeln-der-existenz-die-vier-elemente-in-theorie-und-praxis-autor-olaf-rippe/
