Heilwege der Schöpfung – Hildegards Visionen

Der Hyazinth – Hildegards „Stein der klaren Sinne

Zirkon-Cabochon und Zirkon-Naturstein neben einem alten Buch und Hyazinthenblüten auf Leinen
Hyazinth – der Stein der klaren Sinne nach Hildegard von Bingen.

Der Hyazinth gehört zu den faszinierendsten Steinen im Werk der Hildegard von Bingen. In ihrem «Buch der Steine» beschreibt die Benediktinerin diesen Edelstein ausführlich und schreibt ihm eine ungewöhnlich vielfältige Heilkraft zu. Dabei geht es ihr jedoch nie um den Stein allein. Denn für Hildegard wirkte jedes Heilmittel nur dann, wenn der Mensch zugleich auf Gott vertraute.

Vom Hyazinth zum Zirkon: Welchen Stein meinte Hildegard?

Früher war die Namensgebung deutlich weniger streng als heute. Deshalb tragen manche Steine in alten Texten Bezeichnungen, die mineralogisch nicht mehr gebräuchlich sind. So verhält es sich auch mit dem Hyazinth, denn Hildegards Hyazinth ist der heutige Zirkon.

Zudem beschrieben antike Autoren unter diesem Namen überwiegend blau gefärbte Steine, weshalb zeitweise auch Saphir, Aquamarin oder Türkis damit gleichgesetzt wurden. Erst seit der Entdeckung des Elements Zirkonium im Jahr 1789 steht die Zuordnung fest. Übrigens stammt das Wort Hyakinthos aus der griechischen Sage. Demnach benannte man den Stein nach der Blume, und zwar in der Farbe des Himmels.

Die Natur des Steins: Aus Feuer erzeugt, von der Luft berührt

Faszinierend für mich ist die poetische Art, wie Hildegard die Entstehung des Steins beschreibt. Sie ordnete jeden Stein einer bestimmten Tagesstunde zu, weil die Wärme der Luft nach ihrer Vorstellung Farbe und Kraft bestimmt.

«Der Hyacinth entsteht in der ersten Stunde des Tages aus Feuer, wenn die Luft bald diese, bald jene Farbe hat, und er ist mehr luftig als feurig und deshalb spürt er auch die Luft. Dennoch ist er auch feurig und heiss, weil er von Feuer gezeugt wird.»

Dieser Gedanke folgt ihrer allgemeinen Steinkunde, denn jeder Stein enthält nach Hildegard sowohl Feuer als auch Feuchtigkeit. Beim Hyazinth überwiegt allerdings der luftige Anteil. Genau daraus erklärt sich seine eigentliche Stärke, nämlich die Wirkung auf Wahrnehmung, Geist und Gemüt. Man könnte also sagen: Weil dieser Stein die Luft spürt, klärt er auch das, was im Menschen im seelischen Ungleichgewicht und verworren ist.

Hildegards Empfehlungen: Der Hyazinth und seine heilende Wirkung

In ihrem Text nennt die Äbtissin mehrere Anwendungsgebiete, die auf den ersten Blick kaum zusammenpassen. Einerseits geht es um körperliche Beschwerden, andererseits um Seelenzustände.

Bereich Anwendung nach Hildegard
Augen Linderung bei Augenleiden und Schwäche der Sehkraft
Fieber Kühlung und Hilfe bei hitzigen, fiebrigen Zuständen
Herz Stärkung bei Herzleiden und Herzensunruhe
Gemüt gegen krankhaftes Lachen sowie gegen übermässige Begierde
Verblendung Schutz bei Täuschung, Wahn und „Zauberei“

Besonders aufschlussreich ist die Verbindung von Augen und Klarheit. Denn wer nicht mehr recht sieht, irrt leicht. Ebenso irrte nach Hildegards Verständnis jemand, der lachte, wo kein Grund zur Heiterkeit war, oder der von Begierde getrieben handelte. Folglich behandelt der Hyazinth bei ihr nicht einzelne Symptome, sondern immer die gestörte Klarheit dahinter.

Warun das Gebet für Hildegard wichig war

Hildegard empfahl jedoch, dass gerade bei Herzleiden, bei krankhaftem Lachen, bei Begierde und bei Verblendung durch Zauberei ein Gebet in Verbindung mit dem Hyazinth notwendig ist. Der Stein sollte also nicht einfach so angewendet werden. Stattdessen sprach man während der Anwendung ein Gebet, das den Betroffenen von seinen Qualen befreien sollte.

Damit zeigt sich Hildegards Grundüberzeugung sehr deutlich. Heilung war für sie nämlich nur möglich, wenn der Mensch auf Gott vertraute und sich nicht ausschliesslich auf das Heilmittel verliess. Gleichzeitig forderte sie aber entschieden, dass neben dem Gebet eine Behandlung mit natürlichen Mitteln aus der Schöpfung stattfinden solle. Diese ganzheitliche Sichtweise macht ihre Heilkunde bis heute so reizvoll.

Ausserdem ordnete sie den Edelsteinen eine geistliche Bedeutung zu. Jeder Edelstein fördere durch göttlichen Willen das Gute im Menschen und verschmähe das Böse, schrieb sie, da Gott einst mit ihrem Glanz die Engel geschmückt habe. Der Teufel dagegen hasse die Edelsteine, weil ihre Schönheit ihm erschien, bevor er stürzte. Aus genau diesem Grund nutzte sie den Hyazinth bei Verblendung und Täuschung.

Was der Zirkon in der heutigen Steinheilkunde bewirken soll

Mittlerweile bestätigen moderne Erfahrungen vieles, was Hildegard vermutete. So gilt der Zirkon als Stein, der gedanklich offen hält, das Verstehen erleichtert und Inspirationen fördert. Ausserdem schreibt man ihm eine kühlende Wirkung bei Fieber sowie eine lindernde Rolle bei Atemwegsbeschwerden zu.

Der Hyazinth als Stein der Klarheit

Hildegard von Bingen beschrieb den Hyazinth vor allem als Stein der Klarheit in Erinnerung. Er soll die Augen stärken, das Fieber kühlen und dem Herzen guttun. Darüber hinaus hilft er dort, wo Lachen, Begierde oder Verblendung die Seele unruhig machen. Entscheidend bleibt jedoch ihre Haltung, denn ohne Vertrauen auf Gott blieb für sie jedes Heilmittel nur ein Placebo. Vielleicht dürfen auch wir heute genau darin den eigentlichen Impuls sehen. Ein Mittel wirkt nämlich dann am tiefsten, wenn der Mensch innerlich bereit für die Heilung wird und nicht nur schnelle Linderung sucht.

Hinweis: Dieser Beitrag beschreibt die historische Steinheilkunde nach Hildegard von Bingen und ersetzt keine ärztliche oder therapeutische Behandlung

Möchtest du noch mehr über die Heilkräfte der Schöpfung erfahren? Dann wirf gerne einen Blick auf meine anderen Artikel in dieser Reihe: 

Heilwege der Schöpfung – Hildegards Visionen: Das Buch der Steine eine Einführung

Heilwege der Schöpfung – Hildegards Visionen: Smaragd –  Hildegards „Stein der Grünkraft“

 

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