Stille finden- Im Lärm der Welt: Hildegard von Bingen und die Kraft der inneren Haltung bei Hochsensibilität

Stille finden - im Lärm der Welt

Blick von unten durch ein dichtes, grünes Blätterdach in den Himmel. Sonnenlicht bricht hell und fast blendend durch die Äste und Blätter, während der Himmel dazwischen mit weissen Wolken und blauen Stellen zu sehen ist. Die Szene wirkt ruhig und einladend, als würde der Wald zum Innehalten und Nach oben Schauen einladen.
Ruhe findet man vor allem in der Narur. Aber Stille kann man auch in sich selbst finden.

 Die Welt ist laut. Sie ist schnelllebig, ungeduldig, manchmal aggressiv. Für die, die besonders feinfühlig sind, ist sie ein Ort, an dem man sich oft nicht wohlfühlt. Wer sich «anders» fühlt, fragt sich: Warum ist die Welt nicht einfach friedlich? Warum muss ich so viel leiden und komme nicht zur Ruhe?

Vielleicht war die Welt nie ein perfektes Paradies. Vielleicht gab es nie eine Zeit, in der alles harmonisch war. Wenn wir in die Geschichte blicken, sehen wir, dass Leiden, Angst und Verfolgung so alt sind wie die Menschheit selbst.

Betrachten wir Hildegard von Bingen:

Sie lebte in einer Zeit, in der ihre Gabe, ihre Visionen, gefährlich sein konnten.  Sie schämte sich zunächst für das, was sie sah und hörte. Sie fürchtete, dass ihre Einsichten nicht in das kirchliche Lehrbild passten. Wie muss es gewesen sein, diese Visionen zu empfangen, ohne zu wissen, wann sie kommen? Wie viel Angst muss sie ausgestanden haben, bevor sie endlich Unterstützung fand und ihre Stimme erheben konnte?

Hildegard lebte keine perfekte Existenz. Doch sie fand einen Zugang zu einer Stille, die niemand ihr nehmen konnte.

Wir suchen oft nach dem perfekten Rückzugsort. Wir buchen Klosteraufenthalte, meditieren in Ashrams, machen Fastenwochen oder suchen uns stille Wälder. Und das ist gut so. Doch die Wahrheit ist: Nach ein paar Tagen Alltag kehrt der Lärm zurück. Wie ein Bumerang trifft uns die Hektik der Welt, oft mit doppelter Wucht.

Hildegard schrieb etwas Wichtiges zur Stille auf: Der wahre Ort der Stille ist nicht in der Welt zu finden, in der Natur, in Kirchen und Tempeln. Er liegt in dir.

Sie sagte: «Suche die stillen Orte, damit deine Seele nicht den Mut verliert.»

Damit meinte sie nicht nur physische Räume. Sie meinte den inneren Raum, den du in dir kultivierst. Wenn du diesen Ort in dir entdeckt hast, kann ihn dir niemand mehr nehmen. Es ist der Ort, an dem du mit deiner Seele ins Gespräch kommst.

Genau hier wird der Weg herausfordernd. Denn Stille ist nicht immer ein sanftes Flüstern. Manchmal ist sie ein Kampf.

Gerade jetzt, während ich diesen Text schreibe, startet und landet vor meinem Fenster ein Hubschrauber. Übung für die Ernstfälle dieser Welt. Das Geräusch ist penetrant, hektisch, unerbittlich.

Perfekt ist es hier gerade nicht, in meinem Raum, der sonst so angenehm ruhig ist. Ich könnte fliehen. Ich könnte wütend werden, mich beschweren, weinen, verzweifeln. Mein Körper würde auf Panikmodus schalten, die Alarmglocken läuten, mein Herz rasen. Als hochsensibler Mensch ist diese Reizüberflutung  für mich körperlich spürbar.

Aber ich habe durch Hildegards Lehren gelernt: Stille bedeutet nicht, dass es leise sein muss.  Stille bedeutet, dass ich  mich nicht von der Lautstärke deiner Umgebung und den Umständen bestimmen lasse.

Ich könnte versuchen, den Lärm zu vermeiden. Ich könnte nach Hause ins Homeoffice gehen, wo es leiser sein sollte. Doch dort streiten sich die Nachbarn. Ich habe die Situation nur verschoben. Der Lärm ist mir gefolgt, er lässt mich einfach nicht los, er zieht und zerrt an mir.

Vielleicht ist der Lärm die Aufgabe, die Gott mir gegeben hat, damit ich in all dem Trubel der Welt die Verbindung zu meiner Seele nicht verliere. Dass ich lerne, die Stimme meiner Seele zu hören, egal wie leise sie ist oder wie laut es auf der weltlichen Bühne gerade zugeht. Nicht um mich zu strafen, sondern mich zu lehren. Vielleicht ist es auch eine Einladung, die Perspektive zu wechseln. Nicht zu vermeiden, sondern anzunehmen. Nicht zu bekämpfen, sondern zu transformieren.

Meine Strategie ist keine Flucht mehr, sondern eine Integration: Ich setze mir Kopfhörer auf und lausche Hildegards Musik. Für ein paar Minuten schliesse ich die Augen und atme tief ein und lausche diesen himmlischen Klängen. Dann, mit Hildegards Musik im Herzen, gehe ich wieder an meine Arbeit. Die Nachbarn streiten wieder? Ich ärgere mich nicht. Ich sende ihnen einen Gedanken des Segens, ein wenig Liebe, und das Wunder geschieht: Sie werden leiser, auch wenn es nur für eine halbe Stunde ist, aber in der Zeit kann ich konzentriert arbeiten.

Seit ich meine Vorstellung von «perfekter Stille» abgelegt habe, geht es mir besser. Ja, manchmal ist es immer noch zu viel. Dann suche ich mir bewusst Orte der Ruhe. Aber ich habe gelernt: Es ist nicht die Situation, die mich stresst, sondern meine Sicht auf sie.

Hildegard von Bingen schrieb etwas, was meine Sicht auf den Lärm der Welt verändert hat:

«Gott hat alle Dinge der Welt so eingerichtet, dass eins auf das andere Rücksicht nimmt.»

Wenn wir die Welt aus dieser Perspektive sehen, verändern sich belastende Situationen. Die streitenden Nachbarn sind keine «schrecklichen Menschen», die mir mein Leben zu Hölle machen wollen. Sie sind Menschen, die vielleicht selbst in ihrer Unruhe und ihrem Schmerz stecken. Wenn ich Mitgefühl habe und dankbar bin, dass ich nicht ihre Probleme habe, wird die Last leichter.

Das ist die grosse Herausforderung:  Stille nicht als Flucht zu leben, sondern als Kraftquelle, die du in den Lärm hineinträgst, und er dann auf seltsame Weise leiser wird.

Hildegard hatte Angst. Sie zweifelte. Sie litt. Aber sie schaffte es, ihre Gegensätze und Hindernisse zu integrieren, ohne sich selbst untreu zu werden. Sie ging in die Welt, um zu predigen, und zog sich in die Stille Ihres Klosters zurück, um Kraft zu sammeln. Sie war stark, weil sie ihre Empfindlichkeit nicht verurteilte, sondern als Tor zur Weisheit nutzte.

Vielleicht fragst du dich: Ist meine Feinfühligkeit nicht eine Schwäche?  Die Antwort ist: Nein.

Hochsensibilität ist die Stärke, die Welt aus verschiedenen Perspektiven zu sehen und in dir zu vereinen. Es ist die Gabe, die dir und mir erlaubt, die Stille auch im Lärm zu finden. Es ist die Fähigkeit, Mitgefühl zu empfinden, wo andere nur Wut sehen.

Hildegard hat uns gezeigt, dass das Paradies nicht an einem Ort liegt, an dem es keinen Lärm gibt. Das Paradies entsteht, wenn du die Augen öffnest und siehst, dass Stille die Verbindung zu allem, was ist, dich hält.

Suche deinen inneren Ort der Stille. Kultiviere ihn. Und wenn der Hubschrauber startet, dann hör nicht auf den Lärm. Lausche der Musik, die in dir lebt.

„Wenn der Lärm zu groß wird, lade ich dich ein, einen Moment innezuhalten und meiner Playlist zu lauschen. Diese Klänge sind ein kleines Tor zurück zu deiner inneren Mitte.“

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